Die Reise beginnt am Mittwoch, den 23. September früh in Dresden. Zuerst fahren wir zur neu entstandenen Gedenkstätte in Lety bei Písek. Der Ort wurde bekannt, weil auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers eine Schweinemastanstalt in Betrieb war. Der Kampf um das Gelände und die Nutzung für das Erinnern an die Verbrechen an den Roma und Sinti ist Teil von Kämpfen in Europa. Dort am Schauplatz der Verbrechen bekommen wir eine Führung und einen Einblick in die Entstehungsgeschichte der Gedenkstätte. Das Lager Lety steht symbolisch für die Vernichtung der tschechischen Roma-Bevölkerung: Nur etwa ein Zehntel der Vorkriegsbevölkerung überlebte den Holocaust.
Der Abend widmet sich den gesellschaftlichen Kämpfen um die Gedenkstätte und das Gedenken an den Holocaust an den Roma und Sinti in Tschechien. Im Gespräch sind wir dazu mit Jana Kokyová, sie gehört zur dritten Generation von Nachkommen der Roma und Sinti, deren Vorfahren während des Holocausts verfolgt wurden und organisiert Gedenkfeiern in Lety u Písku am Standort des ehemaligen Konzentrationslagers. Ihre Großmutter Alžběta Růžičková, die aus einer Roma-Familie in Böhmen stammte, war in Lety inhaftiert.
Am Donnerstag, den 24. September findet ein Spaziergang und Gespräch zu Spuren des Erinnerns an den Porajmos° in Mirovice auf dem Pfarrfriedhof statt. Der Friedhof ist eng mit der Geschichte des ehemaligen Konzentrationslagers Lety u Písku verbunden, das während des Zweiten Weltkriegs als Lager für Roma und Sinti diente. Zwischen 1942 und 1943 starben dort mindestens 326 Menschen, die meisten davon Kinder.
Nach einem Transfer erreichen wir am Nachmittag die Gedenkstätte Hodonín u Kunštátu, sie erinnert an die Verfolgung und Ermordung der Roma und Sinti während des Nationalsozialismus. Das Lager bestand von 1942 bis 1943 und war eines von zwei zentralen Orten (neben Lety u Písku), an denen Roma und Sinti aus Böhmen und Mähren interniert und später in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurden.
Dann geht es nach Brno, der zweitgrößten Stadt Tschechiens. Hier lebt eine bedeutende Roma-Community. Brno ist ein wichtiges kulturelles Zentrum für die Roma in der Region.
Eine Führung durch das Roma-Museum machen wir am Freitag, den 25. September. Die Geschichte des Museums der Roma-Kultur reicht ins Jahr 1991 zurück, als es auf Initiative von Roma-Intellektuellen als nichtstaatliche gemeinnützige Organisation gegründet wurde. Im europäischen Kontext gesehen handelt es sich um eine einzigartige Einrichtung, die die Kultur der Roma und Sinti dokumentiert. Die Sammlung des Museums umfasst ca. 25.000 Exponate. Ein Teil der originalen historischen Objekte wird in einer Dauerausstellung mit dem Titel „Die Geschichte der Roma (Příběh Romů) / Le Romengero drom“ präsentiert. Im Anschluss folgt ein Fachgespräch zur Erinnerung an den Porajmos in Tschechien und das Entstehen der tschechischen Erinnerungskultur.
Am Nachmittag treffen wir Eva Zdařilová (angefragt), sie ist Wissenschaftlerin, Übersetzerin und Journalistin. Sie stellt uns ihre Interviews mit Roma-Überlebenden vor. Die Interviews mündeten in eine Studie zu den Entschädigungserfahrungen der Roma in der Tschechischen Republik im Rahmen des Auszahlungsprogramms der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (evz) und ihrer tschechischen Partnerorganisationen. Seit 2006 arbeitet sie als Redakteurin der Zeitschrift für Romani Studies "Romano džaniben". Außerdem hat sie den Roman der Überlebenden von Lety, Philomena Franz, "Zwischen Liebe und Hass" ins Tschechische übersetzt.
Im Anschluss begegnen wir Gwendolyn Albert. Sie ist Menschenrechtsaktivistin, Forscherin und Übersetzerin. Ihr Fokus liegt auf rassistischer Gewalt gegenüber Roma. Sie beschäftigt sich mit Segregation im Bildungswesen und ist Unterstützerin von Roma, die Opfer von Zwangssterilisierung wurden. Sie ist eine Verbündete vieler Roma-Aktivist*innen und schreibt für romea.cz. Sie erzählt (auf Englisch) von den Kämpfen um Entschädigung im Rahmen der Zwangssterilisationen nach der Verfolgung im Nationalsozialismus. Zwischen 1966 und 2012 wurden in Tschechien zahlreiche Frauen unter den Roma zwangssterilisiert. Die Zwangssterilisationen stellen ein schwerwiegendes Menschenrechtsverbrechen dar, das über Jahrzehnte hinweg systematisch und mit staatlicher Billigung durchgeführt wurde. Erst in den letzten Jahren wurden Entschädigungsmaßnahmen und eine gesellschaftliche Aufarbeitung eingeleitet. Die Praxis war von eugenischen, rassistischen und sozialpolitischen Motiven geprägt und steht in Tradition der Verfolgung während des Nationalsozialismus. 2021 beschloss das tschechische Parlament ein Gesetz zur Entschädigung der Opfer.
Am Samstag, den 26. September widmen wir uns rückblickend der Einordnung aller eröffneten erinnerungskultureller Themenbereiche und Inhalte.
Wir beenden die Reise mit einer kleinen thematischen Stadtführung innerhlab des Zentrums der Stadt Brno.
Im Anschluss reisen wir mit dem Zug zurück nach Dresden.
Bei Interesse können Sie gern individuell und auf eigene Kosten eine Zusatznacht buchen und die Stadt Brno eigenständig weiter erkunden.
Wir freuen uns auf eine gemeinsame Reise.
Das Romanes-Wort Porajmos („das Verschlingen“) bezeichnet den Völkermord an den europäischen Sinti und Roma*.
Konzeption: Aletta Beck, Kathrin Krahl, Tobias Kley.
Eine Kooperation zwischen der Brücke|Most-Stiftung und weiterdenken e.V.
Preis und Organisatorisches:
Die Reise kostet 310€. Im Preis enthalten sind alle Fahrten, Unterkünfte (DZ), Eintritte, Vorträge, Führungen, Übersetzungen und Halbpension (Frühstück und mind. eine warme Speise am Tag). Die Bildungsreise machen wir mit dem Zug und einem Reisebus für die abseitigen Strecken.
Vorab gibt es ein digitales Gespräch zum Kennenlernen und einen Input zur Geschichte Tschechiens am Abend des 14. September 2026. Die Zusendung des Zoomlinks erfolgt mit der Anmeldung.
Anmeldung:
Hier geht es zur Anmeldung via Mail unter anmeldung(at)bmst.eu - das detaillierte Programm gibt es bei bekundetem Interesse.